Geschichtlicher Hintergrund der Chiropraktik

Ursprung der Chiropraktik: die Manipulation der Wirbelsäule

Die wichtigen Dinge dieser Welt wurden alle schon einmal gesagt – meist von jemandem, der sie von jemand anderem kopiert hat. Ähnlich verhält es sich mit der Manipulation der Wirbelsäule. Es ist schwer nachvollziehbar, wo und wann diese zum ersten Mal angewendet wurde. Ausserdem variiert der Begriff Manipulation: Einmal ist damit die Reponierung eines ausgekugelten Gelenks gemeint, ein anderes Mal ist es schlicht eine Mobilisation, d.h. die Bewegung des Gelenks über den selbstständig ausführbaren Spielraum hinaus.

Die Geschichte der Gelenksmanipulation folgt drei Verweisen: Manche Quellen erwähnen die Manipulation in der „Medizin“ der Naturvölker. Andere nennen das grosse Gebiet der östlichen Medizin (Indien und China), und wieder andere die westliche, sprich europäische, arabische und später, wichtiger, die nordamerikanische Entwicklung.

Über die Heilpraktiken von Eingeborenen

So berichtet z. B. Kapitän James Cook, der englische Seefahrer, von Praktiken der eingeborenen Frauen auf Tahiti, die an ihm herumdrückten und -schlugen, um seinen Rheumatismus zu heilen. Ob sie ihn vielleicht auch aus anderen Gründen schlugen, bleibt dahingestellt. Weiter gibt es so manchen Bericht von Naturvölkern aus Polynesien und Nordamerika, wo Kinder auf den Rücken von Patienten herumliefen, um so Rückenbeschwerden zu lindern.

Techniken im östlichen Raum

In der Han-Dynastie vor 2000 Jahren gibt es einen Eintrag im Buch „The Yellow Emperor’s Classic of Internal Medicine“. Darin sind Massagetechniken, die Mobilisation und Manipulation der Wirbelsäule beschrieben.

In Indien hat die Manipulation des Nackens als Akt der Hygiene bei Bademeistern und Frisören lange Tradition – auch heute noch, leider oft nicht ohne Nebenwirkungen, da eine fachgerechte Diagnose fehlt.

Die Geschichte der Manipulation in der westlichen Welt

Der erste Hinweis auf Manipulationen im griechischen Raum findet sich bei Hippokrates. Um 400 vor Christus beschreibt dieser in seinem Buch „Von den Gelenken“ zwei spezifische Methoden zur manipulativen Behandlung von Gelenksproblemen, eine Traktion und eine Impuls-Behandlung. Hippokrates‘ Einfluss auf die Medizin war immens, und die Praktiken der Manipulation auf einem Behandlungstisch wurden noch rund 2000 Jahre nach seinem Tod weitergeführt.

Auch der berühmte römische Arzt Galen erwähnt in seinem vierten Buch „De Loci Affectis“ Manipulation nach Nackentraumen.

Im Mittelalter war der arabische Raum für seine fortschrittliche Medizin bekannt. Auch dort wird unter Avicenna in seiner medizinischen Enzyklopädie „Qanun“ die Praxis der Manipulationstechniken beschrieben.

Auch Ambroise Paré (1510-1590) gibt, sich auf Hippokrates berufend, spezifische Anweisungen, einen herausstehenden Wirbel wieder „hineinzudrücken“, um die Beweglichkeit wiederherzustellen. Paré gilt bis heute als Wegweiser für die moderne Chirurgie.

Von 1600 bis 1800 vollzieht sich ein Wandel von den Gelenken hin zur „humoralen“ Krankheitslehre. Die Krankheiten werden mehr in Zusammenhang mit den Körperflüssigkeiten interpretiert. Die Muskulatur und deren Behandlung mit Friktion und Massagen rückt deshalb ins Zentrum. Manipulationen der Wirbelsäule als Behandlung findet man ab da viel seltener in der Literatur. Dies heisst nicht, dass all die Patienten mit Rückenschmerzen nicht doch manipuliert wurden.

Ab dem 18. Jahrhundert lehnt die Schulmedizin die Wirbelsäulenmanipulation deutlich ab, unter Anderem aufgrund der in endemischem Ausmass zunehmenden Tuberkulose-Erkrankungen. Bis heute ist Tuberkulose eine der Hauptursachen für bakterielle Entzündungen der Wirbelkörper und Bandscheiben – und deshalb eine klare Kontraindikation für die Manipulation.

Bonesetters („Knochenrichter“)

Während des 18. und frühen 19. Jahrhunderts hatte sich die Schulmedizin deutlich vom sogenannten „Knocheneinrichten“ distanziert. Dies wurde aus oben genannten Gründen als gefährlich eingestuft. Trotzdem gab es nach wie vor Patienten mit blockierten Rippengelenken, Hexenschuss oder Halskehre. Diese suchten auch weiterhin beim Knocheneinrenker Hilfe.

Diese Wundärzte, Bader und Naturheiler waren in allen Ländern Europas und in Nordamerika zahlreich vertreten. In England schreibt zum Beispiel Dr. med. Edward Harrison im 19. Jahrhundert, dass es neun Mal so viele „Bonesetters“ als Ärzte gab. Die Erfolge blieben anscheinend nicht aus. So wurden manuelle Techniken von vielen Ärzten damals wieder aufgenommen.

Diese „medizinischen Laien“ hielten die „Einrenktechniken“ übrigens in der Familie. Der Vater lehrte sie dem Sohn, die Mutter der Tochter. Oft wurde dann auch von einer „göttlichen Gabe des Heilens“ gesprochen. In England wurde der Bonesetter Herbert Barker ob seiner Bemühungen um die Gesundheit sogar zum Ritter geschlagen.

Bemerkenswert ist auch Dr. med. James Pagets Kommentar in „The British Medical Journal“, dass Ärzte „die guten Seiten der Manualtherapie behalten und von diesen lernen sollen, die negativen Seiten aber zu vermeiden wissen“.

Erste Gehversuche der Chiropraktik

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde von Brown, Parrish und Riodore die Theorie der „spinal irritation“ aufgestellt, wobei eine segmentale Fehlfunktion auf spinaler Ebene mit der Krankheit der inneren Organe zusammenhinge. Hier kam auch magnetische Heilung ins Spiel. Mit Hilfe der Energien der Hand würde Lebensenergie auf die Wirbelsäule übertragen. Zudem kam erstmals die Osteopathie zusammen mit den Bonesettern auf.

Dr. Andrew Still, Begründer der modernen Osteopathie und ehemals Unionsarzt im Bürgerkrieg, ging davon aus, dass gestörter Blutfluss zu und von den Geweben die Ursache von Krankheiten sei. Seine Fronterfahrungen und der Verlust dreier seiner Kinder auf Grund von Thyphus hatten Still massgeblich beeinflusst. Den Glauben an die damalige Medizin hatte er nach eigenen Aussagen verloren. Still gründete die American School of Osteopathy zusammen mit William Smith, einem in Europa ausgebildeten Arzt.

Im Gegensatz dazu theoretisierte David D. Palmer aus Iowa, die Ursache für Krankheiten sei in einer Störung des Nervenflusses zu suchen. Diese Störung erfolgte seiner Meinung nach meist in der Wirbelsäule selbst.

D. D. Palmer, so sagt die Legende, habe übrigens diese Nervenfluss-Störung anhand seines ersten „Adjustments“, also der Korrektur einer segmentalen Fehlfunktion, entdeckt. Der Hausabwart Harvey Lillard sei von ihm wegen Brustwirbelsäulenschmerzen behandelt worden. Zudem hätte Lillard schon seit Jahren auf einem Ohr kaum mehr hören können. Nach der Manipulation der Brustwirbelsäule, von der Palmer sagt, er habe einfach auf einen herausstehenden Wirbel gedrückt, habe Lillard sein Hörvermögen wieder zurückgewonnen. Heute fragt man sich natürlich nach dem Wahrheitsgehalt dieser Geschichte, trotzdem erleuchtet es auf eindrückliche Weise, mit wie viel Versuch und Irrtum, Hörensagen und Emotionen die Grundströmungen der heutigen, wissenschaftlich gut fundierten Manualtherapien begründet wurden.

Palmer gründete 1897 die Palmer School of Chiropractic.

Die Entwicklung der Chiropraktik in der Neuzeit

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde die unübersichtliche Situation von Laienpraktikern, Osteopathen und Chiropraktoren mehr und mehr juristisch geregelt. Wie in der Schweiz mit den verschiedenen kantonalen Gesetzen wurde auch in den USA in manchen Staaten das Praktizieren von Chiropraktik und Osteopathie gesetzlich geregelt und somit legal, in anderen wurden jedoch DC’s (Doctor of Chiropractic) und DO’s (Doctor of Osteopathie) gesetzlich verfolgt, weil sie Medizin ohne Lizenz praktizierten. Es gab Gefängnisstrafen und Geldbussen für viele der Mitbegründer des Berufsstands der Chiropraktoren. Schon David D. Palmer hatte in Davenport, Iowa, mit den lokalen Ärzten heftige Diskussionen. Diese warfen ihre Schatten voraus auf ein Jahrhundert des Konflikts zwischen Medizin und Chiropraktik.

Nach langen juristischen Debatten war dann 1935 in 40 Staaten das Praktizieren der Chiropraktik gesetzlich verankert und lizenziert.

Die USA sind dank Forschung, unzähliger Patienten und Chiropraktoren sowie viel Geduld klarer Vorreiter für die gesetzlichen Berufsstandards: Chiropraktoren belegen in den Vereinigten Staaten nach Ärzten den zweiten Platz.

In den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts gingen auch die ersten Schweizer Chiropraktoren in die USA, um dort ihre Ausbildung zu absolvieren. Zurück in der Schweiz, erging es ihnen anfangs wie früher den amerikanischen Kollegen. Dank des Einsatzes dieser Chiropraktoren, vor allem aber der Patientenorganisation „Pro Chiropraktik“, wurde 1963 unser Beruf gesetzlich anerkannt und lizenziert. Wie in den USA war auch in der Schweiz der Weg der Chiropraktik zum anerkannten eigenständigen Gesundheitsberuf lang und mühselig.

2008 erfolgte nach politischem und auch finanziellem Einsatz des Berufsstands der Chiropraktoren die Eingliederung der Chiropraktik an die Universität Zürich. Medizin als Kern- und Chiropraktik als Mantelstudium sind erstmalig im deutschsprachigen europäischen Raum in einem Studiengang vereint.

Die Diskussion um den Beruf Chiropraktor ist auch heute, mehr als 120 Jahre nach Gründung der School of Chiropractic durch D. D. Palmer, nicht verebbt. Obwohl längst die Studienlage bezüglich spinaler Manipulation gegeben und Chiropraktik als sicher, effizient und kostengünstig etabliert ist, gibt es noch immer Streitgespräche zwischen Medizin und Chiropraktik.

Schlussendlich hat aber eine fair geführte Diskussion zwischen den Berufsgruppen noch nie geschadet. Wir hoffen, dass die nächsten 120 Jahre den Berufsstand des Chiropraktors weiterbringen, die Forschung uns Tore zu neuen Erkenntnissen öffnen und das Wohl des Patienten als wichtigstes Ziel bleiben wird.

Schlussbemerkung

Der Schweizer Chiropraktor Dr. René A. Lüchinger hat diesen Überblick über die Geschichte der Chiropraktik nach sorgfältiger Recherche für Sie verfasst. Mit seinem interdisziplinär-medizinischen Chirozentrum ist er in der Umgebung der Kantone Solothurn, Luzern und Aargau sehr gefragt. Das Chirozentrum ist gut erreichbar, z. B. von Oftringen, Zofingen, Aarau, Olten oder Sursee aus. Neben Chiropraktik werden hier auch medizinische Massage, Stosswellentherapie und 1:1 Rückentraining angeboten. Im Fokus stehen die Analyse, Beratung und Behandlung bei Störungen des Bewegungsapparates – insbesondere der Wirbelsäule.

Referenzen und Quellen

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  • Gaucher-Peslherbe PL. Antecedents to chiropractic. In: Peterson DR, Wiese GC. Chiro-practic: An illustrated history. St Louis: Mosby 1995
  • Gaucher-Peselherbe PL. Chiropractic: Early concepts in their historical setting. Lombard, IL: National College of Chiropractic, 1993
  • Gevitz N. The DO’s: Osteopathic medicine in America. Baltimore: Johns Hopkins Press, 1982
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  • Lewit K. Manipulation therapy in rehabilitation of the locomotor system, 3rd. ed. Oxford: Butterworth-Heinemann, 1999
  • Ligeros KA. How ancient healing governs modern therapeutics. New York: Putnam, 1937
  • Lomax E. Manipulative therapy: A historical perspective from ancient times to the modern era. In: The research status of spinal manipulative therapy: A workshop held at the National Institutes of Health, February 2-4, 1975 DHEW Publication No. (NIH) 76-998; Bethesda , MD: 1975
  • Schiotz EH, Cyrix J. Manipulation past and present. London: William Heinemann Medical Books, 1974
  • Wardwell WI: Before the Palmers: An overview of chiropractic’s antecedents. Chiropr Hist 1987; 7(2): 27-33
  • Wardwell WI: Chiropractic: History and evolution of a profession. St Louis: Mosby, 1992

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